Aus dem Projekttagebuch //

Aus dem Projekttagebuch Auf in die Regionen!

Gewerkschaftliche Bildungsprogramme zur Stärkung von Arbeitsrechten in Georgien

 

  1. Februar 2016 – Chisinau, Republik Moldau

Anlässlich eines Projekttreffens von weltumspannend arbeiten mit den Kolleginnen und Kollegen des Gewerkschaftlichen Bildungshauses im Institutul Muncii in Chisinau, wo seit 2012 die Gewerkschaftsschule nach österreichischem Modell gemeinsam mit dem Moldauischen Gewerkschaftsbund aufgebaut wird, haben Gocha Aleksandria – Vize Präsident des Georgischen Gewerkschaftsbundes und seine Kollegin Magda Maruashvili ihr Kommen angekündigt. Neugier und großes Interesse an diesem sehr breit gefächerten einjährigen Bildungsprogramm für FunktionärInnen von Branchengewerkschaften und der Erfolg in Österreich und in der Republik Moldau sind der Antrieb für ihre Reise. Ein weiterer Grund ist die Aussicht ebenfalls mit weltumspannend arbeiten ein Projekt zu entwickeln und mit finanzieller Unterstützung der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit zu realisieren. Ihr Ziel ist es in Georgien mittels der Gewerkschaftsschule die Gewerkschaftsbewegung zu beflügeln und ein Stück weit zu modernisieren.

 

  1. September 2016 – Tiflis, Georgien

Sepp Wall-Strasser, Leiter der Bildungsabteilung des ÖGB OÖ und Geschäftsführer von weltumspannend arbeiten, und ich als Projektleiterin, haben unser erstes Projekttreffen beim Georgischen Gewerkschaftsbund in Tiflis. Dreieinhalb Stunden dauert der Flug von Wien in die georgische Hauptstadt – allerdings gibt es nur zweimal wöchentlich Direktflüge. Im März wurde das gemeinsame Projekt (Gewerkschaftsschule Georgien – Bildung zur Stärkung der Arbeitsrechte) eingereicht, im Juli genehmigt. Seither liefen – oder sagen wir – schleppten sich die Vorbereitungsarbeiten. Irakli Petriashvili, der Präsident des Georgischen Gewerkschaftsbundes, kandidiert mit einer eigenen Liste bei den Parlamentswahlen und er und sein Team sind bei unserer Ankunft noch völlig im Wahlkampfmodus. Tiflis empfängt uns als westliche Metropole. Etwas enttäuscht sind meine Erwartungen hier vollends in orientalisches Flair einzutauchen.

Hier gibt es kein Institutul Muncii, also kein gewerkschaftliches Bildungshaus, das uns und die Trainingsabende der Gewerkschaftsschule beherbergen kann. Wir wohnen im Hotel und die Trainings werden entweder in einem gemieteten Seminarraum oder im Konferenzsaal des Gewerkschaftshauses stattfinden müssen. Keine von Süßspeisen überladenen Coffeebreaks als Dreh- und Angelpunkt jedes Planungs-, Trainings- und Reflexionsabends. In dieser vergleichbar nüchternen Atmosphäre stoßen wir auf ein pragmatisches, zielorientiertes Team. Unsere PartnerInnen im Georgischen Gewerkschaftsbund sind es gewöhnt für ihre Sache auf die Straße zu gehen, Organizing steht ganz oben auf der Agenda. Die Reformierung des neoliberalen Arbeitsrechts, die Neugestaltung der zahnlosen Arbeitsinspektorate zur Reduktion der häufig tödlichen Arbeitsunfälle, frauenrechtliche Fortschritte in der Arbeitswelt, …usw. – das sind die Aufgaben, die gewerkschaftliche Bildungsarbeit vor Augen trägt. Die Stärkung der Gewerkschaftsbewegung für ein soziales Georgien, das seinen Bürgerinnen und Bürgern gute Arbeitsplätze anbietet und sie nicht mit Perspektivenlosigkeit zur Auswanderung treibt.

 

  1. November 2019 – Batumi, Georgien

Ich bin zum ersten Mal in Batumi, die Urlaubsstadt der früheren Ex-Sowjet Union schlechthin am Schwarzen Meer mit gepflegten Parkanlagen, alten Häusern, teils verspielten Hotels. Meine Kollegin hat für uns Zimmer im Hotel Venezia mit Blick auf den „Markusplatz“ gebucht. Ein moderner Zug hat uns in sagenhaften fünf Stunden von Tiflis hier her gebracht. Ausgestattet mit Internet und auf zwei Etagen lässt sich der Ausblick auf die Landschaft wunderbar genießen. Eine Reservierung ist absolut notwendig, der Zug ist völlig ausgebucht.

Von Herbst 2016 bis Sommer 2018 konnte der Georgische Gewerkschaftsbund zwei Pilotdurchgänge der Gewerkschaftsschule jeweils neun Monate lang in Tiflis durchführen. Die Ergebnisse der Evaluierung zeigten, dass das Modell überaus positive Effekte auf die Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung hat. Dabei sprechen wir von einem Anstieg an Mitgliedern, Unterstützung der Verhandlungen von Kollektivverträgen ebenso wie von der Tatsache, dass die 2016 erneuerte Jugendgewerkschaft in der Gewerkschaftsschule einen wertvollen zusätzlichen Raum fand ihre Netzwerke zu stärken und ihre Aktionen vorzubereiten und zu verbreiten.

Gleich im Herbst 2018 konnte ein weiteres gemeinsames Projekt gestartet werden, um die begonnene Arbeit weitere drei Jahre fortzusetzen und zu erweitern: Auf in die Regionen! Auch Adjarien und Imeretien brauchen Gewerkschaftsschulen – diesmal soll der Fokus in den Regionen liegen, die durch das bewährte Modell in Form von Abendkursen gestärkt werden sollen.

In Batumi findet in diesen Novembertagen die Evaluierung statt. Der Georgische Gewerkschaftsbund verfügt in Batumi über ein Büro, das Anlaufstelle für ArbeitnehmerInnen in der Region Adjarien ist. Juristische Beratung für Gewerkschaftsmitglieder, Unterstützung bei der Gründung von sogenannten Primärorganisationen, was in Österreich ein Betriebsrat wäre oder auch Planung und Umsetzung von Aktionen in Batumi und der Region werden hier geleistet. Seit Februar 2019 wurde nun auch die Gewerkschaftsschule angeboten. Mit großer Wirkkraft für die Region, so das Feedback der lokalen TrainerInnen und den 19 TeilnehmerInnen, die vor allem aus den Branchen Bildung, Medien, Tourismus und Textil kommen. Das Team in Batumi besteht aus einem Mann, der in dieser Stadt scheinbar jedeN kennt und einer jungen Frau, die als Coach die Gruppe der TeilnehmerInnen mit viel Herz betreut hat und eine wendige Social Media Nutzerin ist. Das sind schon extrem gute Voraussetzungen für einen solchen Lehrgang. Sicher, es gibt auch Kritik – manches hat sich unkoordiniert im Lehrplan wiederholt, manche wünschen sich abends spätere Beginnzeiten und dafür kürzere Module. Aber vom Inhalt sind alle begeistert, sie profitieren und wollen mehr TUSG! (Trade Union School in Georgia/Gewerkschaftsschule in Georgien)

Auf meine Frage, ob es auch Kritik an den TrainerInnen gab, wurde mir harsch entgegnet, dass man in Georgien lieber dem Herz vertraut als den Statistiken.

 

  1. September 2020 – Linz, Österreich

Seit mittlerweile einem halben Jahr hat uns Corona fest im Griff. Die erste Welle hat Georgien, wie auch Österreich, vergleichsweise milde getroffen – auch aufgrund der drastischen Maßnahmen, die beide Regierungen rasch setzten.

Nicht nur die nationale, sondern auch die internationale Projektarbeit ist durch die nötigen Maßnahmen stark eingeschränkt. Es ist der persönliche Austausch, eines der Kernstücke das fehlt, wenn es um die Vermittlung von Methoden und Haltungen geht. In der Gewerkschaftsschule geht es um die Einbindung der TeilnehmerInnen, um das miteinander und von einander lernen, um das Leben von flachen Hierarchien, um gemeinsam Ziele zu verfolgen und zu erreichen. Um Wissensvermehrung, Vernetzung und Solidarität.

Heute Abend wird im Bildungshaus Jägermayrhof in Linz ein Jubiläum begangen: 25 Jahre weltumspannend arbeiten – der entwicklungspolitische Verein im ÖGB. In Form einer Informationsveranstaltung kann mit 50 geladenen Gästen, die zugewiesene Sitzplätze bekommen, auf eine spannende Zeit zurückgeblickt werden.

Zum Start des Abends wird die Fotoausstellung „Arbeitskämpfe in Georgien“ eröffnet. Wir bedauern sehr, dass der Fotograf Shako Jokhadze und Irakli Petriashvili, der Präsident des Georgischen Gewerkschaftsbundes und Präsident von PERC, dem Pan European Regional Council, nicht persönlich anwesend sein können, um die Ausstellung mit uns gemeinsam zu eröffnen. BürgerInnen aus sogenannten Drittstaaten ist die Einreise in die EU im Zuge von Corona Präventionsmaßnahmen nicht gestattet. Shako Jokhadze war 2017 selbst Teilnehmer an der Gewerkschaftsschule in Tiflis. Er hat von 2016 bis 2018 für den Georgischen Gewerkschaftsbund Protest- und Solidaritätsaktionen begleitet, dabei sind ausdrucksvolle Fotografien entstanden. Diese werden nun in einer Wanderausstellung in Gallneukirchen, Linz und Wien bis Juni 2021 gezeigt.

Auch wir sagen unsere Reise zur Evaluierung der Gewerkschaftsschule Anfang Oktober nach Kutaisi, in die Region Imeretien, ab. Uns wird die Einreise zwar durch das Außenministerium in Georgien genehmigt, aber Covid-Tests alle 72 Stunden würden die Arbeit vor Ort enorm verkomplizieren. Der Lehrgang wurde Ende September 2019 planmäßig gestartet. Die Besonderheit an diesem Lehrgang war, dass er von Mitte März bis Ende April durch den ersten Lockdown in Georgien unterbrochen wurde. Bereits ab Anfang Mai wurden die Trainings allerdings online fortgesetzt.

 

  1. November 2020 – Linz, Österreich

Nachdem im Zuge der Parlamentswahlen Unregelmäßigkeiten in einigen Wahllokalen publik wurden, wird in Tiflis immer wieder von AnhängerInnen der Partei Vereinte Nationale Bewegung gegen den Wahlsieg der Partei Georgischer Traum demonstriert. 2012 ist es dem Bündnis Georgischer Traum gelungen, die Partei unter dem Vorsitz von Michail Saakaschwili, an der Spitze von Georgien abzulösen. Aufgrund anhängiger Strafverfahren und eines Haftbefehls gegen ihn ist Saakaschwili eine umstrittene Figur in Georgien. Nicht zuletzt durch gutes Corona-Management konnte bei den Parlamentswahlen im September der Georgische Traum mit 48% der Stimmen wiederum seine „politische Auferstehung“ in Georgien verhindern.

Die zweite Covid-Welle hat ganz Europa erfasst – weder Georgien noch Österreich bleiben verschont. Diesmal trifft sie beide Länder erheblich härter.

Über stop.CoV.ge ist nachzulesen, dass es in dem 3,72 Mio EinwohnerInnen Land in den letzten 24 Stunden zu 3117 registrierten Neuinfektionen gekommen ist. In Österreich liegt die Zahl im Vergleichszeitraum bei 6044 Fällen bei 8,87 Mio EinwohnerInnen.

Auch von den KollegInnen in Tiflis sind die meisten im Homeoffice, die Schulen sind geschlossen und das Gesundheitssystem an seinen Grenzen.

Ein Jahr ist es jetzt her, dass wir in Georgien waren. Reisepläne zu machen, das trauen wir uns gar nicht mehr. Ein positiver Aspekt: durch die gesparten Reisekosten lässt sich eventuell noch eine weitere Online-Gewerkschaftsschule in Georgien finanzieren!

 

Sandra C. Hochholzer, Projektleiterin bei weltumspannend arbeiten