Die Corona-Krise als Chance für globale Veränderung

Die Pandemie hat einmal mehr deutlich gemacht, wie stark unsere Wirtschaft globalisiert ist und wie wichtig internationale Regelungen für eine menschenwürdige und ökologische Produktionsweise sind bzw. wären. Ein Kampfauftrag für Gewerkschaften.

Von Michael Wögerer, Projektleiter von weltumspannend arbeiten

„Noch bevor du am Morgen dein Frühstück aufgegessen hast, warst du schon auf die Hälfte der Welt angewiesen“

– dieser von Martin Luther King im Jahr 1967 getätigte Ausspruch über die globale Abhängigkeit unserer alltäglichen Lebensbereiche, ist heute aktueller als je zuvor.

Entstehung und Verlauf der Corona-Pandemie haben uns deutlich vor Augen geführt, wie engmaschig wir in globale Kontexte eingebunden und damit Teil globaler Prozesse und Zusammenhänge sind. Ausgehend vermutlich von einem Markt für Wildtiere in der chinesischen Stadt Wuhan breitete sich das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 entlang globaler Lieferketten und dank internationaler Reisemöglichkeiten rasch in der ganzen Welt aus. Zählte man Anfang des Jahres rund 30 Erkrankte in ganz China, wurden bereits Ende Jänner die ersten Infektionen in Europa, USA und Australien gemeldet – bis Redaktionsschluss (27. Juli) gab es weltweit 16,5 Millionen COVID-19 Infizierte und über 650.000 Menschen, die an der Lungenkrankheit gestorben sind.

In Italien hat das Coronavirus besonders gewütet, vor allem Norditalien zählt zu den am stärksten betroffenen Regionen der Welt. Über die Hintergründe, warum sich das Virus gerade dort so rasch verbreitet hat, gibt es unterschiedliche Theorien. Fakt ist: COVID-19 hat in der Provinz Lodi ihren Anfang genommen, nur wenige Kilometer von der Modemetropole Mailand entfernt. Für viele italienischen Medien gibt es dafür einen Grund, und der heißt „Pronto Moda“ – ein Schlagwort, das die Produktion von vermeintlich italienischen Produkten meint, die in Italien von chinesischen ArbeitsmigrantInnen und unter chinesischen Bedingungen hergestellt werden.

„Die Fast Fashion hat den rasanten Anstieg an Infektionen befeuert“, meint auch Petra Bayr, SPÖ-Bereichssprecherin für globale Entwicklung und Mitglied der parlamentarischen Versammlung des Europarates. „Das neoliberale Wirtschaftssystem macht Menschen krank. Es zwingt in diesem Fall zehntausende chinesische ArbeiterInnen in italienischen Sweatshops zu unterbezahlter Arbeit unter unwürdigen Umständen. In den engen Produktionsräumen hat sich das Virus rasant verbreitet. Weil die meisten ArbeiterInnen keinen legalen Aufenthaltstitel haben, haben sie auch keinen Zugang zu öffentlicher Gesundheitsversorgung“, kritisierte Bayr in einer Aussendung Anfang März.

Blickt man auf die nach der ersten Welle auftretenden sogenannten Corona-Cluster in deutschen Schlachtbetrieben, unter ErntehelferInnen oder in Arbeiterwohnheimen, zeigt sich, dass die Krise vor allem jene trifft, die bereits vorher unter extrem ausbeuterischen Arbeits- und Lebensbedingungen zu leiden hatten.

Insgesamt wirkt Corona wie ein Vergrößerungsglas, es verstärkt und macht sichtbar, was in unserem Produktionssystem falsch läuft. Zugleich bietet diese Situation aber auch die Chance die damit verbundenen Themen stärker in die Öffentlichkeit zu bringen. Dass es im Zuge der Pandemie auch in Österreich zu einem Mangel an Medikamenten & Schutzausrüstung kam und die bislang selbstverständliche Verfügbarkeit von Pflege- und ErntehelferInnen nicht mehr gegeben war, schafft auch hierzulande direkte Betroffenheit und bewirkt womöglich ein Umdenken in der Bevölkerung.

Die Lehren aus der Pandemie

 

„Die wichtigste Botschaft aus der Krise ist, dass der Markt nichts regelt. Also der würde das schon regeln, aber mit sehr vielen Toten. Der Markt ist nicht für die Menschen da. Er ist eigentlich für nix. Außer für große Investoren und Konzerne“, brachte es der österreichische Kabarettist und Schauspieler Michael Niavarani im Lauf der Corona-Pandemie auf den Punkt.

Wie wichtig die öffentliche Versorgung ist, um derartige Krisen zu bewältigen, wurde einmal mehr deutlich. Gerade jene Länder, in denen das öffentliche Gesundheitssystem in den letzten Jahren kaputtgespart wurde (z.B. Großbritannien) oder wie in den USA dem privaten Profitstreben unterworfen ist, haben mit einer massiven COVID-19-Verbreitung zu kämpfen, denen bereits tausende Menschen zum Opfer fielen.

Entscheidend ist auch die Frage welche Tätigkeiten tatsächlich systemrelevant sind und ob sich diese Systemrelevanz auch in der Entlohnung sowie den Arbeitsverhältnissen widerspiegelt. Pointierter ausgedrückt: Ob wir in Zukunft für die Menschen im Gesundheitswesen, im Handel oder im Transport, die uns mit lebenswichtigen Dingen versorgen, in Zukunft nicht nur Applaus übrighaben, sondern auch mehr Geld im Börsel.

Weltweit betrachtet ist die wichtigste Lehre aus der Pandemie die simple Tatsache, dass globale Krisen nur global zu lösen sind. Das gilt besonders nach Corona für unseren Kampf gegen Hunger, Armut und für einen friedlichen und nachhaltigen Planeten. Dazu braucht es eine Ausweitung der Entwicklungszusammenarbeit sowie weltweit gleichermaßen verbindliche Rahmenbedingungen und Mindestanforderungen für alle Unternehmen.

Bei letzterem Punkt gibt es Hoffnung, dass globale Veränderungen zum Besseren durchaus möglich sind. Nachdem in Frankreich und den Niederlanden bereits Gesetze beschlossen wurden, die Unternehmen für Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen sowie Umweltzerstörung entlang ihrer Lieferkette zur Verantwortung ziehen, wird dies derzeit in Deutschland auf höchster Ebene diskutiert und soll auch auf europäischer Ebene ein Schwerpunktthema der deutschen EU-Ratspräsidentschaft sein. In der Schweiz wurde kürzlich die Konzernverantwortungsinitiative gestartet, die von einer breiten Allianz getragen wird. Auch im österreichischen Parlament liegt der Vorschlag für ein Sozialverantwortungsgesetz im zuständigen Sozialausschuss, welches verhindern soll, dass Bekleidungsartikel und Schuhe in Österreich in den Verkauf gelangen, bei denen es entlang der Produktions- und Lieferkette zu Zwangs- und Kinderarbeit gekommen ist. Ein analoger Antrag war von der SPÖ bereits in der vergangenen Legislaturperiode eingebracht worden, die Beratungen kamen über eine Erste Lesung aber nicht hinaus. Auch dieses Mal ist ein positiver Beschluss aufgrund der aktuellen Mehrheiten nicht absehbar, obwohl sich manche die Frage gefallen lassen müssen, warum sie der Zwangs- und Kinderarbeit keinen Riegel vorschieben wollen.

Nachhaltige Lieferketten, die Schaffung einer Wirtschaftsordnung, die sich am gesellschaftlichen Wohl orientiert und ein gutes Leben für alle Menschen – weltweit! – ist jedenfalls ein Kampfauftrag für die internationale Gewerkschaftsbewegung. Die Corona-Krise hat deutlich gemacht, wo unser System krankt. Sie könnte der Anfang vom Ende ständiger Profitmaximierung auf Kosten von Mensch und Natur sein und der Beginn fairer globaler Arbeits- und Lebensbedingungen. Dazu braucht es Mut und Entschlossenheit. Frei nach Bertold Brecht: Ändern wir die Welt, sie braucht es.

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