Beijing hat 15 Millionen Einwohner und beherbergt zusätzlich etwa 3 Millionen Wanderarbeiter. Die Stadt erstreckt sich mit ihrem Umland auf einer Fläche von 200 x 200 km. Der Straßenverkehr wird über mittlerweile 6 Ringstraßen geleitet, es gibt 10 U-Bahn-Linien mit einem Gesamtnetz von mehr als 300 km Länge.

5 Millionen PKWs sind in der Stadt registriert, bereits 1 Million mehr als Fahrräder. China ist seit einigen Jahren WTO-Mitglied. Eine der Bedingungen dafür war, dass die bis dahin besonders hohe Auto-Steuer drastisch reduziert werde. Diese Maßnahme, die die chinesische Regierung im ganzen Land schrittweise umsetzt, läßt den PKW-Anteil am Verkehrsaufkommen in den Städten zusätzlich zur statusgetriebenen Entwicklung steigen.

Beijing besteht, dem ersten Eindruck auf der Busfahrt vom Westbahnhof in den östlichen Teil der Innenstadt nach, in erster Linie aus einem ununterbrochenen Verkehrsstau, stärker noch als der, den wir in Shanghai erlebten. Vielleicht hat das auch mit dem Besuch von Kofi Annan zu tun, der gerade in Beijing weilt, um mit der chinesischen Führung die Syrienfrage zu beraten. Vielleicht gab‘s da und dort deshalb Umleitungen; die folgenden Tage zeigten aber keinen großen Unterschied im Verkehrsaufkommen. Stau und Zähflüssigkeit ist der Normalfall in Beijings Straßen. So als ob die Menschen in ihren Autos lebten…Was man im städtischen Verkehr von ihnen lernen kann, ist Flexibilität und Frechheit in der Beachtung der Verkehrsregeln bei gleichzeitiger Geduld und Respekt den anderen Verkehrsteilnehmern gegenüber: Kein Geschimpfe, kein Vogel-Zeigen, kein Hupen. Letzteres nur, um eventuellem Nichtgesehen-Werden vorzubeugen.

Wir fahren die Straße des Ewigen Friedens, die „Chang-an“ entlang, die 30 km lange West-Ost-Verbindung, die direkt über den Tien-an-men, den Platz des Himmlischen Friedens, führt. Angesichts des in beiden Richtungen vier- bis fünfspurigen Staus auf der Chang-an, auf einer Straße, zu deren Benutzung man in der Stoßzeit eine besondere Bewilligung benötigt, wie unsere örtliche Reiseleiterin anmerkt. Angesichts der Tatsache, dass man solche Staus durchaus auch einmal um 2 Uhr früh vom Zimmer des „Jianguo-Hotels“ aus beobachten kann, frage ich mich, ob ich als Mitarbeiter der Automobil- und Automobilzulieferindustrie nicht an der falschen Aufgabe arbeite. Jeder Handgriff, jede Idee zur Verbesserung des Fahrzeugantriebes, jede Optimierung des Antriebssystems selbst, jede Entwicklung zur Reduktion der Abgasemissionen und zur Reduzierung des Kraftstoffverbrauchs bleibt einfältig, wirkungs- und bedeutungslos, solange das Auto – in Beijing wie in Graz – als Statussymbol bewegt wird. Als Symbol für den erworbenen oder auch nur eingebildeten Status des Besitzers, ob Mann oder Frau, in der Gesellschaft.

Dabei geht es nicht darum, dass wir „Westler“ mit erhobenen Zeigefinger auf China zeigen und der ganzen Welt ausmalen, was ihr blüht, „wenn die Chinesen nun auch immer mehr Autos haben“…nein: der Pendelausschlag in den Autowahnsinn im Rahmen der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung Chinas ist für unsere langsameren europäischen Augen „nur“ besonders sichtbar. Das Phänomen ist aber dasselbe wie bei uns.

Und es ist nicht uninteressant zu wissen, dass nach jüngsten Angaben bereits drei Viertel der europäischen Premium-Auto-Produktion ins Reich der Mitte geht! Nirgends siehst du so viele Oberklasse-„Kutschen“ auf einem Haufen wie in Shanghai oder Beijing. Ob Maserati, BMW-X6-Schlachtschiffe, Porsche Cayenne oder Audi Q7 – Hauptsache großvolumig und mit Ledersitzen und Hauptsache: importiert (also ohne chinesische Schriftzeichen am Heck)! Wer hier von „Spaß am Fahren“ und „Freude am Luxus“ spricht, geht fehl, denke ich mir. Denn die Aussage, dass sich der Fahrer oder die Fahrerin mit Hilfe des automobilen Hierarchieabdruckes irgendwohin BEWEGT, ist schlichtweg falsch: Die meiste Zeit nämlich STEHT dieses FAHRzeug. Im Stau oder am Parkplatz, frisst Flächen, die die Menschen in Beijing für grundlegendere Bedürfnisse ebenso dringend bräuchten, wie jene in Wien, Graz oder Liezen. Und es frisst Luft. Enorme Mengen, sodass uns nach einer Stunde Atmen in Beijing bereits der Hals kratzt und das allgemeine Räuspern beginnt. Ende Jänner, Anfang Februar, wenn der Smog das städtische Leben zum Stillstand bringt und die Beijinger Stadtregierung die Bewohner aufruft, zu Hause zu bleiben und die Fenster geschlossen zu halten, die Kinder weder in die Schule noch in den Kindergarten zu schicken, werden die tiefhängenden Wolken über Beijing mit Silberjodid injiziert, um den Dreck aus der Luft abregnen zu lassen. Wohl nur eine ineffiziente Symbolbehandlung des Problems.

Der PKW-Verkehr zerstört Stadt und Mensch, geht es mir angesichts dieser Situation durch den Kopf. Die im Auto sitzend verbrachte Zeit erscheint mir plötzlich als vergeudete Lebenszeit. Es wird Zeit, dass sich der Mensch vom Statussymbol Auto befreit. Eine Befreiung, die nur im Kopf – und im Widerstand gegen die Verlockungen
der Automobilindustrie – stattfinden kann.

Reinhard Wimmler

P.S.:
Die chinesische Regierung und auch die Provinzregierungen haben offensichtlich das Problem des wachsenden motorisierten Individualverkehrs erkannt. Neben dem rasanten Ausbau des öffentlichen Verkehrsnetzes in den Städten (U-Bahnen) und schneller Eisenbahnverbindungen durch das gesamte Land, hat China auch die höchsten Autobahnmautgebühren der Welt. Aber selbst diese und die je nach Stadt unterschiedlichen aber auch für europäische Verhältnisse hohen Auto-Anmelde- und Parkgebühren halten die statusgetriebenen Menschen offensichtlich noch nicht von ihren Gewohnheiten ab.

P.P.S.:
Zwischen Shanghai und Beijing verkehrt – noch nicht lange – eine mit deutscher ICE- Technologie betriebene schnelle Eisenbahnlinie. Die 1.300 km werden in 4 ½ bis 5 Stunden bewältigt. Seit dem großen Eisenbahnunglück vor ein paar Monaten wurde die Geschwindigkeit etwas gedrosselt, aber längstens in 5 Stunden, berichtete unser örtlicher Reiseleiter, gelangt man von Shanghai in die nördliche Hauptstadt oder von dieser retour. Und er fügte mit einem Schmunzeln auf den Lippen einen Bericht über seine abenteuerliche Reise durch Österreich hinzu, als er im Jahre 2011 für die Strecke von Linz nach Graz 4 ½ Stunden benötigte, „mit kurzem Aufenthalt in Selzthal oder wie das Dorf dort hieß…“

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