Der heutige Besuch beim ACGB hat uns wieder einmal erstaunt.

Zwar war das Ambiente wieder sehr kühl und steif. Der Raum- und Sitzordnung haftete etwas vom zweifelhaften Charme des alten DDR – und Ostblockstils an. Aber schon, dass uns fünf Frauen gegenübersitzen, ist uns sehr sympathisch. Dementsprechend konnte ich es mir bei meinen Eröffnungsworten nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, wie schön wir das fänden, und dass ihnen – würden Sie nach Österreich kommen – wahrscheinlich 4 Männer –und eine Frau (wenn überhaupt) gegenübersitzen würden.

Und bei den Ausführungen der Vorsitzenden der Begegnung, Frau Zhu Bin, Direktorin des Internationalen Department des All-Chinesischen Gewerkschaftsbundes, kamen wir gleich bei der Sache.

Viele Dinge, die sie ansprach, waren neu im Vokabular. Und da vor allem auch die Frage der Kollektivverhandlungen.

Dieses Wort kam bei unserer letzten Begegnung noch gar nicht vor. Jetzt soll es ein zentraler Punkt der Gewerkschaftsaktivitäten werden. Dabei konnten in der jüngsten Vergangenheit wichtige Erfolge erzielt werden.

Letztes Jahr wurde in Wuhan ein Kollektivvertrag für 550 000 Mitarbeiter/innen in der Gastronomiebranche unterzeichnet. Auch in der Provinz Hainan gibt es nun einen Kollektivvertrag für den Tourismus. Eine große Herausforderung ist, in den großen internationalen Unternehmen Kollektivvertragsverhandlungen durchzuführen.

Bei Carrefour Shanghai gelang es, einen ersten Kollektivvertrag zu unterzeichnen. Dabei kommt die Gewerkschaft jedoch schnell an ihre Grenzen. Denn was es nicht gibt, sind Unternehmerverbände. Deshalb fehlt bei den Verhandlungen das Gegenüber. In Wuhan war der Branchenvertrag deswegen möglich, weil dort Hoteliers und Gastronomieunternehmer in einem Verband zusammenarbeiten.

Von der Flächendeckung kann also keine Rede sein. Wenn hier von Kollektivverträgen die Rede ist, dann handelt es sich um Betriebsvereinbarungen, die nach Möglichkeit überbetriebliche Gültigkeit erlangen. Dazu kommt, dass normalerweise ein KV nur für bis zwei Jahre gilt.

Hauptinhalte dieser Kollektivverträge sind vor allem der Lohn und die Arbeitsbedingungen. Wobei die Sicherung des Mindestlohnes einen wichtigen Teil einnimmt, und schon als ein Fortschritt zu sehen ist. Arbeitszeit ist auf unsere Frage hin kein Thema. Damit die Verhandlungsführer/innen gut vorbereitet sind, werden für die Gewerkschaftsvorsitzenden in den Betrieben landesweit vom ACGB Schulungen für KV-Verhandlungen durchgeführt. Sie nennen es Teambuilding. Auf unsere Nachfrage, was passiert, wenn es zu keinen Einigungen bei den Verhandlungen komme, bekommen wir folgende Antwort: Die Verhandlungen seien manchmal sehr hart, wie zum Beispiel bei den erwähnten Verhandlungen in der Gastronomiebranche. Jeder beharrte auf seinem Standpunkt. Da werden dann jemand von außen jemand geholt, jemand Unabhängiger, z. Beispiel Wissenschaftler.

Von Frau Zhan wird zugestanden, dass China sich wie überall in einem Entwicklungsprozess befindet, und daher auch die Verhandlungen noch in Entwicklung sind. Es wird dabei viel Wert auf die internationalen Erfahrungen gelegt und sie wollen von den internationalen Kolleginnen lernen. Dabei erwähnt sie Österreich und das österreichische System der demokratischen Mitbestimmung als ein gutes Vorbild.

Damit ist ein weiteres spannendes Stichwort gefallen: ein Kernziel der Gewerkschaftsarbeit ist die demokratische Partizipation der Mitarbeiter. In China gebe es ein ähnliches System wie in Österreich – die demokratische Vertretung, und der ACFTU sei gerade dabei, in den chinesischen Unternehmen die demokratischen Vertretungen aufzubauen. Die Mitarbeiter sollen informiert werden, sollen Wünsche äußern und Mitspracherecht haben.

2011 gab es in 2,9 Millionen Betrieben demokratische Vertretungen. Das betrifft 182 Mrd. MitarbeiterInnen.

Sepp Wall-Strasser

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2 Kommentare

  1. >>2011 gab es in 2,9 Millionen Betrieben demokratische Vertretungen. Das betrifft >>182 Mrd. MitarbeiterInnen.

    Ähm, die derzeitige Weltbevölkerung ist um die 7 Mrd. Menschen. Oder sind die 182 Mrd. universumsweit gerechnet?

    Ansonsten interessanter Beitrag.

  2. T’schuldigung, Robert. Natürlcih sind das 182 Millionen. Bei den Größenordnungen in China komme einem schnell mal die Millionen und Milliarden durcheinander. Die Mitgliederzahl wird offiziell vom allchinesischen Gewerkschaftsbund angegeben.
    Sepp Wall-Strasser


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