In jenen Provinzen, in denen investiert wird, herrscht „Goldgräberstimmung“. Darunter fallen auf jeden Fall die von uns besuchten Regionen um Shanghai, Suzhou und Nanjing. Manche Konzerne müssen ihre Standorte permanent erweitern, wie zum Beispiel Miba Gleitlager und Sinter, die die Produktionsfläche derzeit um das dreifache erweitern, um den boomenden Markt bedienen zu können. Die von uns besuchten Betriebe erzählen uns übereinstimmend – und dieser Trend hat sich seit unserer letzten Reise vor zwei Jahren verstärkt – dass eines der größten Probleme der ausländischen Investoren und Betriebsgründungen das Rekrutieren und Halten der (Fach)Kräfte ist. Das Neujahrsfest entwickelt sich zum großen Zittern der Unternehmer: wer wird nach dem großen Neujahrsfest, dass durch Zusammenlegen der staatlichen Feiertage, von Urlaubstagen und geleisteten Überstunden auf oft über zwei Wochen ausgedehnt wird, wieder zurückkommen?

Betriebe sind stolz darauf, wenn sie es schaffen, die Fluktuation der Arbeitnehmer/innen unter 15% zu halten. Es ist manchmal ohnehin schon schwierig genug, geeignetes Fachpersonal zu bekommen, und dieses will dann auch noch gehalten werden! Schickt ein Konzern dann Mitarbeiter/innen nach Europa zur Ausbildung, besteht nach Auskunft von Gesprächspartnern des AVL-Technical-Center Shanghai die Gefahr, dass der/die Mitarbeiter/in sich bereits nach zwei Jahren vom Unternehmen verabschiedet. Auch das Rückerstatten von Ausbildungskosten hält Arbeitnehmer/innen nicht davon ab. Manche zahlen diese anstandslos und sind weg. Miba reagiert zum Beispiel darauf so, dass viele Jobs gleich zwei und dreifach besetzt werden. So kann man wenigstens halbwegs sicher sein, dass es eine kontinuierliche Know-how-Übergabe gibt.

Diese Situation gäbe den Arbeitnehmer/innen derzeit also nach unserer Auffassung alle Trümpfe in die Hand. Die Situation erinnert eins zu eins an die Zeiten der sechziger und beginnenden siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Europa und Österreich. Damals konnten auch bei uns die Arbeiter ihre Chefs vor die Alternative stellen: „Entweder ich krieg ab sofort um so und so viel mehr Lohn, oder ich gehe!“ Das Abwerben war gang und gäbe. In dieser Phase kam es zu einer ständigen Verbesserung der Kollektivverträge, der betrieblichen Sozialleistungen und der individuellen Zusatzvereinbarungen.

Verstärkend auf das häufige Wechseln des Arbeitsplatzes wirken noch zwei Faktoren: erstens ist es für die Karriereentwicklung eines/eines/r chinesischen Arbeiter/in bzw. Ingenieurs sehr positiv ist, in mehreren Betrieben gearbeitet zu haben, und zweitens drängt die Regierung ständig darauf, die Mindestlöhne kräftig anzuheben.

Davon profitiert derzeit also sicherlich die gesamte Arbeitnehmer/innenschaft in China. Und nicht nur dies, sie kurbelt den privaten Konsum ungemein an. Eine weitere Folge davon ist, dass im Landesinneren durch die Umverteilungs- und Investitionspolitik der Regierung im Landesinneren Arbeitsplätze entstehen, sodass viele Wanderarbeiter/innern oft nicht mehr nach dem Neujahrsfest in den entfernten Arbeitsplatz an den „Speckgürtel Chinas“ zurückkehren.

Derzeit tritt aber (noch) nicht die bei uns erfolgte Stärkung der kollektiven Interessenvertretung der Arbeitnehmer/innen ein. Und ein wichtiger Grund (von der schon genannten restriktiven Politik der Regierung und der offiziellen Gewerkschaft abgesehen), wieso keine kontinuierliche Vertretung zustande kommt, liegt genau auch im häufigen Wechsel der Belegschaft. Dies nannte ganz nüchtern und desillusionierend Frank, der Vorsitzende der (frei gewählten) Betriebsgewerkschaft bei Nanjing Lenzing Fibers. Wie soll eine funktionierende Gewerkschaftsvertretungswahl zustande kommen, wenn innerhalb von 3 Jahren (die normale Periode eines gewählten Gewerkschaftskomitees) bei einer Fluktuationsrate von bis zu 25-30% rein statistisch die Hälfte der Belegschaft wechselt? Was natürlich so in absoluten Zahlen nicht stimmt, aber eine Athmosphäre und Haltung der einzelnen Arbeitnehmer/innen wiederspiegelt: ich lege mich nicht fest, ich bin jederzeit bereit für einen Firmen- und Jobwechsel. Wenn es ein besseres Angebot gibt, oder mit in der Firma etwas nicht passt, dann bin ich weg. Dies gäbe derzeit den Arbeiter/innen in den boomenden Industriezonen große Macht, eine kollektive Vertretung zu wählen, weil die Konzerne dies unter den gegebenen Umständen leichter akzeptieren würden, da sie ja dadurch an Stabilität in der Mitarbeiter/innenstruktur gewinnen würden. Diese Chance wird aber anscheinend nur in sehr geringem Ausmaß kollektiv wahrgenommen Nach Schätzung von Frank existiert höchstens in zwanzig Prozent der privaten Unternehmen eine Betriebsgewerkschaft.. Vielleicht hängt dies auch mit der fehlenden Tradition kollektiver gewerkschaftlicher Organisierung zusammen. Vielleicht ist das auch ein großer Nachteil für kommende (schlechtere) Zeiten? Und vor allem vielleicht das größte Versäumnis des Allchinesischen Gewerkschaftsbundes, hier langfristige Organisierungspotential zu sichern und sich zu einer wahren Interessenvertretung aufzuschwingen?

 Sepp Wall-Strasser

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3 Kommentare

  1. Habe heute mal ein wenig quergelesen. Sehr interessant! Ihr macht ganz tolle Arbeit! Gratuliere!

  2. Liebe Gruppe,
    ich verfolge eure Reise und Berichte interessiert mit! Eine Frage/Bitte – könntet ihr uns eine Aufstellung der Löhne in der Textilbranche (Näher/-innen) der asiatischen Länder organisieren? Ein”aktueller” internationaler Vergleich von verschiedenen Ländern ist schwer zu finden und vielleicht geht es einfacher, wenn man vor Ort danach fragt. Da wäre uns sehr geholfen! Wir benötigen diese Aufstellung für unseren Jeans-Workshop. Viel Erfolg für die letzten Tage und eine gute Heimreise.
    Beste Grüße aus Linz,
    Barbara

  3. Als einer der Mitreisenden war es für mich sehr interessant als ich von der hohen Fluktuationsrate (Bei körperlich schweren Jobs waren es sogar annähernd 100%) hörte und wie die Firmen versuchen die Arbeiter zu halten. Bei uns in Österreich scheint es genau anders zu sein. Ältere Mitarbeiter und deren Erfahrung werden hierzulande nicht so geschätzt. Man hört immer, dass diese KollegInnen zu teuer, zu wenig flexibel od. zu wenig belastbar usw. sind. Ist schon eine verkehrte Welt. Aber irgendwie kann man sich alles zurecht argumentieren.


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